Praxismanagement

Einzelkämpfer oder Teamplayer?

Room-Sharing – Praxisgemeinschaft – Gemeinschaftspraxis

Einleitung:

Viele KollegInnen finden die Idee, mit anderen Therapeuten in einem Praxisverbund zu arbeiten, sehr interessant.
Die meisten, die sich voller Enthusiasmus in solche Projekte stürzen, scheitern aus unterschiedlichsten Gründen: vorher nicht definierte Erwartungen an den Partner werden nicht erfüllt; die Persönlichkeiten sind zu unterschiedlich bzw. ergänzen sich nicht sinnvoll; der „Verteilerschlüssel“ für die Finanzen wird nicht gerecht / nachvollziehbar erarbeitet; die Partner „jagen sich gegenseitig“ die Patienten ab usw.

Der Autor hat sich selber vor über zwanzig Jahren mit seinem „Konkurrenten“ vor Ort in einer Gemeinschaftspraxis zusammen getan, die heute noch Bestand hat. Ein Glücksfall für die Vorgespräche war die Suche nach neuen, gemeinsamen Praxisräumen, die sich wg. der schlechten Immobiliensituation über ein Jahr hinzog. In dieser Zeit wurden alle Fragestellungen geklärt und die Zielvorstellungen definiert.
Die „Reibungspunkte“ konnten so auf ein Minimum reduziert werden.

Definitionen / Grundlagen:

Beim Room-Sharing werden Praxisteilbereiche an freie und eigenverantwortliche Therapeuten untervermietet. Dies setzt die Genehmigung des Vermieters voraus! Ein Mix aus Freiberuflern und Gewerbetreibenden (Achtung: Produktverkauf in der Praxis!) sollte vermieden werden – das gibt Stress mit dem Finanzamt und den Versicherungen! Sinnvoll sind Untervermietungen an HP-KollegInnen mit speziellen Therapieformen, die der Praxisbetreiber nicht selbst abdecken kann oder an Physiotherapeuten, Gesprächstherapeuten, Logopäden usw.

Vorteilhaft sind die bessere Nutzung des Praxisapparates, der gesteigerte Publikumsverkehr und eine Kostenreduktion, die man allerdings nicht überbewerten darf, weil gleichzeitig die Nebenkosten (Heizung, Reinigung, Verbrauchsmaterial…) mit erhöhtem Patientenaufkommen steigen. Hier ist eine definierte und differenzierte Abrechnung der Raum- und Bürokosten erforderlich. Darüber hinaus können prozentuale Beteiligungen abgesprochen werden – das geht aber nur, wenn die Umsätze entsprechend vertrauensvoll offengelegt werden. Die Umrechnung der Gesamtpraxiskosten auf die vermieteten Quadratmeter sollte auch die die Kosten für Fahrstuhl / Treppenhaus, Flur, Toiletten, Reinigung, Getränke usw. beinhalten!

Den Untermietern ist oft nicht klar, dass Honorare keine Nettoeinnahmen sind und dass ein nicht unerheblicher Honoraranteil allein für den Praxisunterhalt abzuziehen sind – von den Versicherungsbeiträgen (Praxishaftpflicht, Inventar, eigene Alters-/Krankheitsvorsorge…) mal ganz abgesehen. So kann sich ein frustrierendes Missverhältnis entwickeln zwischen Arbeits-/Zeitaufwand, Einnahmen und dem Nettogewinn („…es bleibt ja gar nichts übrig!“).

Für den Praxisbetreiber können sich ebenfalls Nachteile ergeben:
Er ist versicherungstechnisch erst einmal allein verantwortlich (z.B., wenn ein Patient nach der Behandlung durch den „Untermieter“ bei Abwesenheit des Praxisbetreibers im Treppenhaus stürzt?!); wer steht für die Kaffeeflecken im Teppichboden gerade, wenn beide Therapeuten nicht durchgängig / gleichzeitig anwesend sind? („…ich / mein Patient war das nicht!“)…

Es besteht auch die Gefahr, dass sich beim Untermieter eine „Angestellten-Mentalität“ entwickelt. D.h., der pflegliche Umgang mit der Einrichtung („…gehört mir ja nicht!“); das Bereitstellen von Getränken („Kaffee ist schon wieder alle!“) oder freiwillige Mehrleistung / Überstunden i.S. des Praxisbetriebes stoßen auf wenig Begeisterung.

Eine Variante ist die Zusammenarbeit mit einem eigenverantwortlichen Therapeuten als freiberuflicher Mitarbeiter, der Geräte und Räume des Praxisbetreibers (evtl. im „Schichtbetrieb“) mit nutzt aber einkommens- und versicherungstechnisch selbstständig ist.

Alle Einnahmen gehen an den Praxisbetreiber – der Mitarbeiter stellt für seine Leistungen Honorar-Rechnungen aus, die auf Prozent- oder Stundenbasis beruhen können. Für dieses Modell ist eine vertrauensvolle Zusammenarbeit erforderlich.

 

In einer Praxisgemeinschaft oder Gemeinschaftspraxis sind die Rahmenbedingungen deutlich anders.
Auch hier gilt es, im Vorfeld möglichst alle Eventualitäten zu überdenken und zu regeln – das erspart späteren Ärger…

Als Praxisgemeinschaft wird der Zusammenschluss zweier oder mehrerer Therapeuten bezeichnet, die eigenständig ihr individuelles Therapieangebot einbringen. Sinnvollerweise i.S. eines Synergismus und nicht als Konkurrenzangebot.

Jeder Partner hat seine Behandlungsräume, die Kalkulation der Honorare und die Kosten für das Verbrauchsmaterial können individuell unterschiedlich sein. Das Finanzamt betrachtet jeden der Partner als eigenständigen Therapeuten. Gewinne des einen können daher z.B. nicht mit den Verlusten des anderen verrechnet werden. Die Ausgaben für allgemein genutzte Räume, Geräte, Anmeldung und Büro (-Kräfte) sollten vertraglich geregelt werden. Das gilt auch für den Ausstieg bzw. krankheitsbedingten Ausfall eines Partners (wie geht’s dann weiter?).

Vorteilhaft bei diesem Modell ist ein möglichst unterschiedliches Angebot an Therapieverfahren, so dass man sich nicht „ins Gehege“ kommt und sich bei abgestimmten Therapieabläufen die Patienten auch zuweisen kann.

Probleme können sich auch hier ergeben: Wie werden die Neuaufnahmen verteilt? Wie sieht die Urlaubsregelung aus? Wie wird bei Urlaubsvertretungen abgerechnet? Sind nach dem Urlaub alle Patienten abgeworben? („Ihr Kollege hat mir ein günstigeres Angebot gemacht“)…

 

In einer Gemeinschaftspraxis (Gesellschaft bürgerlichen Rechts / GbR) ziehen alle Partner „am gleichen Strang“.
D.h., jeder ist für alles gleichermaßen verantwortlich.

Der Arbeitsalltag gestaltet sich um ein Vielfaches einfacher – die Voraussetzungen für ein stressfreies Miteinander sind dafür aber komplizierter:

  • Die Zielvorstellungen der Partner müssen klar sein. Was verspreche ich mir davon? Wie möchte ich arbeiten?
  • Die Partner müssen menschlich / persönlich / fachlich zusammen passen. Es kann nicht einer den Chef rauskehren oder für Fehler immer den anderen verantwortlich machen…
  • Die gemeinsame Praxis steht an 1. Stelle, Eigeninteressen müssen untergeordnet werden
  • Alle Modalitäten müssen klar definiert sein: Arbeitsbedingungen, Raumaufteilung, Gerätenutzung (gemeinsame Anschaffungen fördern die gemeinsame Verantwortung für Geräte, Inventar und Raumausstattung)
  • Alltagsregelungen / Arbeitsteilung:
    die verschiedenen – auch anfangs banal erscheinenden – Aufgabenbereiche sollten zugeordnet sein: wer bringt den Müll / das Altpapier weg? Wer ist der „Personalchef“? (hier eine Hüh-Hott-Schiene zu fahren, vergiftet die Atmosphäre).
    Wer ist für den Nachschub des Verbrauchsmaterials zuständig?
    Wer kümmert sich um die Hygiene- / Notfallvorgaben?…
  • Einnahmen – Ausgaben / Gewinn – Verlust: Dies ist ein besonders sensibles Thema, was einem „Stresstest“ gleichkommt: wenn genug Geld da ist, ist die Welt in Ordnung – was passiert aber bei finanziellen Schieflagen, die auch privat bedingt sein können?
    Hier ist ebenfalls absolute Loyalität und evtl. Verzicht auf eigene Interessen erforderlich, was bei den privaten Lebenspartnern schon mal auf Unverständnis stoßen kann…
    Größere Anschaffungen sollten gemeinsam besprochen und auch finanziert werden.
    Gemeinsame Ausgaben sorgen auch für eine „gemeinsame Amortisation“ des Inventars. Fehlentscheidungen lassen sich so auch leichter verschmerzen.

Alle Berechnungsmodelle zur „gerechten“ / angemessenen Gewinnverteilung können nur dazu dienen, evtl. Schieflagen beim Arbeitszeiteinsatz, Stundenkalkulationen, unnützen Ausgaben, Freizeiten usw. zu verdeutlichen. Die Anzahl der jeweiligen Patientenkontakte und die Umsätze nach Therapieverfahren sind letztlich nicht ausschlaggebend, sondern der jeweilige Gesamt-, Zeit- und Energie-Einsatz sollte Maßstab für eine gerechte Gewinnverteilung sein.

Auch „unproduktive“ Arbeiten wie Buchführung, Bestellungen und Rechnungen schreiben erfordern ja Zeit und Einsatz.
Wenn der eine nur halbtags arbeitet, weil er mit seinem Therapieangebot höhere Umsätze pro Stunde macht und diese überwiegend für sich reklamiert, der andere aber zeitintensive Therapien praktiziert, dann ist der Ärger vorprogrammiert…

Ein weiterer Streitpunkt ist häufig das „Abzwacken“ von Wochenarbeitszeit für die Vorbereitung externer Aktivitäten bzw. Nebeneinnahmen durch Dozenten- / Referenten- / Autoren-Tätigkeiten („ich kann mich jetzt nicht ums Telefon / den unangemeldeten Patienten / den Pharma-Außendienstler kümmern, weil ich noch was ausarbeiten muss…“).
So etwas erzeugt Unmut, wenn der Partner bei diesen Aktivitäten nicht involviert ist.

Es muss also immer im Interesse des einen Partners liegen, wenn der andere an externen Projekten arbeitet.
Das kann über eine prozentuale Beteiligung geregelt werden oder – wie beim Autor – es kommt „alles in einen Topf“:
die monatlichen Privatentnahmen sind identisch und der Steuerberater schaut alle sechs Monate, ob alles OK ist und was am Jahresende jeweils übrig bleibt bzw. nachgezahlt werden muss.

Diese gemeinschaftlichen Aktivitäten sollten professionell von einem Steuerberater und einer Versicherungsagentur begleitet werden. Einige Berufsverbände haben sog. Gruppenverträge mit Versicherern abgeschlossen, die den Mitgliedern auch für den privaten Bereich entsprechend günstige Konditionen anbieten.
Vertragspartner des Freien Verbandes Deutscher Heilpraktiker e.V. (FVDH) ist z.B. die SIGNAL-IDUNA-Versicherung
Ansprechpartner: Herr Thomas Ewering    Tel. 02553-9363-0    heilpraktiker@faulhaber-ewering.de

Eine weitere Möglichkeit zur freiwilligen Versicherung für Therapeuten besteht bei der
Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege
-Unternehmensbetreuung-
PF 76 02 24
22052 Hamburg

Ist Praxis-Personal eingestellt – dazu zählen auch Assistenten und Praktikanten – ist eine Meldung bei der Berufsgenossenschaft Pflicht!

Das liest sich bis jetzt evtl. alles etwas kompliziert und umständlich – aber wenn man sich einmal intensiv mit der Thematik und den Möglichkeiten beschäftigt hat, dann überwiegen auf jeden Fall die Vorteile einer Gemeinschaftspraxis:

  • Das Therapiespektrum / Angebot kann bequem erweitert werden
  • Fachliche Ergänzung / Austausch / Reflexion ist eher möglich
  • Kostenreduktion durch intensivere Nutzung von Räumlichkeiten und Geräten, Mengenrabatte bei Verbrauchsmaterialien / Praxisbedarf
  • bessere Erreichbarkeit trotz flexibler Wochenarbeitszeitregelungen
  • stressfreie Vertretung bei Urlaub / Krankheit   (die Praxis muss nicht geschlossen werden)
  • bei Abwesenheit eines Therapeuten wg. externer Aktivitäten wird der Praxisbetrieb nicht wesentlich gestört
  • Team-Arbeit macht Spaß!   (allerdings ist nicht jeder dazu geeignet)

Fazit

Nur eine vertrauensvolle Zusammenarbeit, gegenseitige Fürsorge und ein echtes Interesse am Erfolg und dem Wohlergehen des Partners garantieren den dauerhaften Bestand eines Partnermodells und die Akzeptanz der Patienten.

Ich wünsche allen Teamplayern viel Spaß und Erfolg – wie immer das jeweilige Modell auch aussehen mag.
(„…in guten wie in schlechten Zeiten – bis dass…“).

Matthias Mertler, Heilpraktiker
Vorstand des FVDH e.V.


 

Übrigens:     Eine medizinische Kooperation / Gemeinschaftspraxis mit einem Arzt ist nicht möglich.

Es ist dem Arzt gem. Musterberufsordnung verboten, mit einem Nicht-Arzt (dazu zählt auch der HP) gemeinschaftlich zu therapieren! Möglich ist eine Organisationsgemeinschaft, bei der die Einrichtung, medizinische Geräte und das Personal gemeinsam in Anspruch genommen werden. Es sind aber zwei selbstständige, formal unabhängige Praxen mit getrennten Patienten-Karteien erforderlich.