Therapeutenhaftung bei Behandlungsfehlern

Kommentar

Diagnoseirrtum, Diagnosefehler oder Befunderhebungsfehler?

Erweist sich eine gestellte Diagnose im Nachhinein als falsch, kann nicht automatisch von einem ersatzpflichtigen Haftpflichtversicherungs-Ereignis ausgegangen werden.

Hier spielt u.a. der zeitliche Ablauf eine wichtige Rolle: Was sich zu einem späteren Zeitpunkt evtl. durch weitere Untersuchungen und Erkenntnisse als falsch herausstellt, kann zu einem früheren Zeitpunkt durchaus angemessen gewesen sein. Bevor es zu einem Schadensersatzverfahren kommt, unterscheidet die Rechtsprechung daher zwischen dem Diagnose-Irrtum, der keinen Behandlungsfehler darstellt und dem Diagnose-Fehler, der zum Schadensersatz verpflichtet.

Diagnose-Irrtum:

Im Rahmen einer Erstuntersuchung kann und darf ein Therapeut nicht die ganze vorstellbare diagnostische Palette komplett ausschöpfen – Überdiagnostik darf nicht betrieben werden! Der Therapeut darf und muss nach Wahrscheinlichkeiten vorgehen und einer ersten Arbeitsdiagnostik im Rahmen seiner Kompetenzen und Verantwortlichkeiten vertrauen. Erst wenn die therapeutischen Maßnahmen nicht anschlagen u/o sich später eine andere Symptomatik zeigt, hat der Patient Anspruch auf weiterführende Diagnostik.

Diagnose-Fehler:

Um einen schadensersatzrelevanten Diagnose-Fehler zu definieren, spielt u.U. der zeitliche Ablauf eine große Rolle. Denn eine sich nachträglich als unzutreffend erwiesene Diagnose kann durchaus zum Zeitpunkt der Erstdiagnostik noch vertretbar gewesen sein.

Erst wenn eine nicht vertretbare, falsch interpretierte Bewertung der Befunde durch den Therapeuten nachweisbar ist, die zu unangemessenen Therapiemaßnahmen führte, liegt ein Behandlungsfehler vor, der aufgrund vielfältiger Kausalketten im Organismus aber nur selten nachweisbar ist. Bei einer Beweislastumkehr muss der Therapeut beweisen, dass der Fehler eben nicht ursächlich für die Schäden war.

Zur Klärung der Ursächlichkeit später aufgetretener Gesundheitsschäden wird in einem Haftungsprozess u.U. die Frage nach einem Befunderhebungsfehler bemüht. Dieser liegt vor, wenn der Therapeut medizinisch gebotene Untersuchungen / Tests unterlassen hat. Eine rechtsverbindliche Klärung kann nur durch einen gerichtlich bestellten Sachverständigen erfolgen.

(nach Frank Breitkreutz, FA für Medizinrecht „Wann wird ein Irrtum zum Behandlungsfehler?“)

 

Anmerkung: Liebe Kolleginnen und Kollegen,

nur durch sorgfältige Anamnese, Befunderhebung, Dokumentation und angemessene therapeutische Maßnahmen lassen sich die beschriebenen Probleme vermeiden. Wichtig: ein fehlender Befähigungs-(Ausbildungs-)Nachweis für die angewandte Therapie gilt als ursächlicher Behandlungsfehler – eine Gutachtermeinung ist dann nicht mehr notwendig!

Die klinische Untersuchung, Blut- und Stuhldiagnostik sowie eine begleitende / weiterführende fachärztliche Diagnostik und Therapie sind u.U. ebenfalls unerlässlich! Denn „alternative“ und komplementäre naturheilkundliche Diagnosemöglichkeiten spielen bei einem Haftungsverfahren keine Rolle! Das soll uns natürlich nicht davon abhalten, sie zum Wohle unserer oft schulmedizinisch durchdiagnostizierten und austherapierten Patienten einzusetzen.

 

Matthias Mertler, Heilpraktiker

Vorstand des FVDH e.V.