Radikuläre WS-Syndrome

Grundlagen, Therapieoptionen

Matthias Mertler, Heilpraktiker

Einleitung:

Schmerzen am Bewegungsapparat und speziell an der Wirbelsäule sind weit verbreitet. In den naturheilkundlich ausgerichteten Praxen finden sich zunehmend Patienten, die die „Orthopädenphase“ hinter sich haben und andere Diagnose- und vor allen Dingen Therapie-Verfahren wünschen und eine intensivere Betreuung benötigen, als die schulmedizinische Schiene aus verschiedensten Gründen bieten kann.

Gerade bei den chronischen Beschwerden, bei denen Ultraschall, Röntgen und Magnetresonanz- / Kernspin-Tomographie keine relevanten Ergebnisse geliefert haben, steht die Frage im Raum „Was nun?“. Hier bietet sich für den naturheilkundlichen Praktiker ein weites Feld an komplementären Diagnose- und Therapie-Verfahren an. Nachfolgend sollen insbesondere neuralgische Ausstrahlungsbeschwerden und segmental-bedingte Organfunktionsstörungen und ihre Differentialdiagnostik dargestellt werden.

Grundlagen / Ursachen:

Veränderungen, Degeneration, Fehlstellungen und Blockaden an Wirbelsäule und Bandscheiben sind vielfach ursächlich für Beschwerden verantwortlich.

Dabei führen Läsionen der motorischen (vorderen) Nervenwurzel des Rückenmarks zu Ausfällen der korrespondierenden Muskeln mit abgeschwächten Eigenreflexen. Irritationen der sensiblen (hinteren) Nervenwurzel projizieren sich dagegen meist im entsprechenden Dermatom  mit Missempfindungen / Kribbeln, Taubheit…

Bezugsschmerzen sind Ausstrahlungsschmerzen in das korrespondierende Segment bzw. Organ, das von denselben Spinalnerven innerviert wird. Die Ursache liegt daher nicht unbedingt im schmerzhaften Gebiet, sondern im WS-Bereich. Die Funktionalität des schmerzhaften Bereichs ist nicht eingeschränkt und der meist tief gefühlte Schmerz kreuzt nicht die Mittellinie! Umgekehrt können sich Organerkrankungen auch über den viszero-kutanen Reflex mit Ausstrahlung in die entsprechenden Dermatome (Head-Zonen / Rückensegmente) darstellen. Palpatorisch ergibt sich paravertebral dann häufig ein sulziges, teigig- aufgetriebenes Unterhautgewebe. Sinnvoll ist  – wie bei allen ganzheitstherapeutischen Ansätzen – die Berücksichtigung  der  individuellen Konstellationen.

Folgende Bereiche sollten auf jeden Fall abgeklärt werden:

  • Konstitutionelle Gewebe- / Organschwächen (Bindegewebe, Leber, Nieren…)
  • Statikprobleme (Beinlängendifferenz, Beckenverdrehungen, Dislokationen…)
  • Fehlbelastung / relative Überlastung (berufsbedingt, Statikfehler, Schonhaltungen)
  • Stoffwechselerkrankungen
  • Fehl- / Mangelernährung („Eiweißmast“, Übersäuerung, Vitalstoffmangel)
  • Erregerbelastungen (z.B. Streptokokken, Borrelien…)

Diagnostik:

Neben ausführlicher aber trotzdem zielgerichteter Anamnese (akut / Verletzung, einschleichend / chronisch…?) hat sich die Irisdiagnose als Hinweisdiagnostik („Wegweiser“) zur Bestimmung individueller konstitutioneller Schwachstellen  gerade bei chronischen Beschwerden in vielen Fällen bewährt.

Sie liefert uns Hinweise auf Schwachstellen und Belastungen, die evtl. mit dem Krankheitsbild in Verbindung zu bringen sind:

  • Übersäuerung / Verschlackung
  • Bindegewebsschwäche, Lymphbelastungen
  • Vegetative Ausgangslage (sensibel, verspannt, ängstlich…)
  • Rheumatische Belastungen, Entzündungen

Der Irisdiagnostische Eindruck führt uns vielfach auch zu weiterführenden Blut- und Stuhluntersuchungen, die von den Vorbehandlern u.U. noch nicht abgeklärt wurden (Rheuma/Entzündung, Leber, Nieren, Immunschwächen…).

Bei der anschließenden optischen Beurteilung und manuellen Untersuchung (im Stehen, Sitzen und im Liegen) ergeben sich häufig folgende Befunde:

  • Haltungs-, Statik-Fehler
  • WS-Verkrümmungen (Lordose, Kyphose, Skoliose)
  • erhöhter Muskeltonus
  • Schonhaltungen mit Muskelverspannungen / Myogelosen
  • Bewegungseinschränkungen, funktionelle Blockaden
  • Fehlstellungen (Beckenschiefstand, Wirbelfehlstellung)

Die Ergebnisse von Palpation und Funktionsprüfungen werden beim Autor im sog. „Chiro-Status“ dokumentiert und können zur Verlaufskontrolle weiter verwendet werden.

Allgemeine Therapie-Optionen:

Als Ausleitungs- und gleichzeitig schmerzlindernde Möglichkeit bieten sich auch homöopathische / phytotherapeutische Kombipräparate mit Bryonia, Berberis, Colchicum, Ledum… an (z.B. Rheucostan® R Tr./Fa. Hanosan), die den Stoffwechsel und die Diurese anregen und so – neben einer deutlich gesteigerten Trinkmenge – zur Entschlackung beitragen.

Parallel zu den evtl. notwendigen gezielten chiropraktischen Interventionen haben sich folgende manuelle Therapieansätze bestens bewährt:

  • diverse Schröpfmassage-Techniken mit therapeutisch wirksamen Ölen: Melissenöl zur allgemeinen Entspannung
    • Campher- und Rosmarinöl zur Durchblutungssteigerung
    • Wintergrünöl bei rheumatoiden Beschwerden
    • Thymianöl bei Ischialgie und Arthritis
      (jeweils ca. 20 Tr. reines Öl mit 50 ml Arnika-Massageöl / Fa. Weleda mischen)
  • Baunscheidtieren
  • Dehnung / Mobilisierung – hier sind die Übergänge zur chiropraktischen Behandlung durchaus fließend
  • Paravertebrale medikamentöse Infiltrationen über mehrere WS-Segmente:
    • intracutane Quaddelung mit Procain oder Lidocain,
    • anschließende Infiltration mit geeigneten Präparaten durch die Quaddeln hindurch bis in den verhärteten Muskelbauch
  • Injekto-Akupunktur (Injektion in korrespondierende Akupunkturpunkte)

Das Angebot an wirksamen Ampullenpräparaten ist erfreulicherweise recht gut – so bieten diverse Hersteller Präparate mit verschiedenen Therapieschwerpunkten an, aus denen wir uns von Fall zu Fall sehr gezielt bedienen können. (Fa. Hanosan, Heel, Pascoe, Pharmarissano…)

So können unterschiedliche Therapieziele – auch in Kombination – berücksichtigt werden:

  • Muskelentspannung
  • Schmerzlinderung
  • Durchblutungssteigerung
  • Vegetative Stabilisierung (z.B. Psychoneurotikum® N Amp., 2 ml / Fa. Pharmarissano)
  • Ausleitung
  • Regeneration (z.B. Symphytum Rö-Plex® N Amp., 5 ml / Fa. Pharmarissano)

Eine weitere Option bei Spritzenangst und Marcumar-Patienten ist die Ultraschallmassage, (V-Sonic / Vital-Wellen-Therapie) bei der Wirkstoffe in speziellen Gelen in Kombination mit homöopathischen / phytotherapeutischen Ampullen-Präparaten schmerzfrei in das betroffene Areal eingebracht werden können.

Aus didaktischen aber auch aus praktischen Gründen werden im Folgenden die WS-Beschwerdebilder von caudal nach cranial abgehandelt („von den Hacken bis zum Nacken“).

Lendenwirbelsäule / LWS

Beschwerdebilder:

  • Schmerzen direkt an der Wirbelsäule / Ilio-Sakral-Gelenk
  • Ausstrahlungen in Leiste, Hüfte, Bein
  • „Anlaufbeschwerden“ nach längerem Sitzen, Stehen
  • Verspannungen in BWS und HWS durch Schonhaltung

Häufige Befunde:

  • Statik-Probleme durch Schonhaltung u/o Beckenschiefstand
    (meist erworben durch Verdrehung / Fehlstellung)
  • Blockaden der Ilio-Sakral-Gelenke
  • Verspannungen, Myogelosen der Rückenstrecker
  • überhöhter Muskeltonus („kann nicht locker lassen“)
  • funktionelle Blockaden („Verklebung“ der Facettengelenke)
  • segmentale Durchblutungsstörungen
  • Druckschmerzhaftigkeit korrespondierender Akupunkturpunkte
    (s.u., Abb. 1+2).

Therapie-Optionen:

Folgende Maßnahmen bieten sich innerhalb einer Therapie-Sitzung an:

  • Wärmeanwendungen IR-Licht, heiße Auflagen…
  • Chiropraktik Dehnen, Mobilisieren, Reponieren
  • Massagen mit therapeutisch wirksamen Ölen, Schröpfmassagen, Pneumatische Pulsationstherapie (PPT) / Lymphdrainage

Aschner-Verfahren Schröpfen, Baunscheidtieren, Canthariden-Pflaster…
Neuraltherapie / Injekto-Akupunktur, Infiltrationen

Technik / Material:

Punktlokalisation, Desinfektion gem. Hygienevorgaben,
Intracutane (i.c.) Quaddeln setzen (je 0,2 bis 0,5 ml)
mit 20er Kanüle (0,40×20 mm) bzw. Dental-Kanüle (0,40×40 mm)

a) mit Lidocain oder Procain (bis max. 2%ig / nur i.c. ! / cave Verschreibungspflicht !)
(z.B. Lidocain Röwo® 0,5%, oder Procain Röwo® 1% Amp. 2 ml / Fa. Pharmarissano)

oder

b) mit i.c.-tauglichen Funktions- / Organampullen

oder

c) mit Lokalanästhetikum quaddeln
und durch die Quaddeln mit Funktionsmitteln tiefer infiltrieren
(z.B. Symphytum Rö-Plex® Amp. 5 ml / Fa. Pharmarissano)

cave anatomische Gegebenheiten !
(s. Abb. 1 + 2)

lumbo-ischialgie

Abb. 1: Lumbo-Ischialgie

coxitis

Abb. 2: Coxitis, Ischialgie

Brustwirbelsäule / BWS

Beschwerdebilder:

  • Schmerzen direkt an der Wirbelsäule durch Verdrehen, „Veratmen“, Verheben…
  • Atemnot, Seufzen
  • Brust – Engegefühl
  • Herzgefühl / Rhythmusstörungen
  • Übelkeit / Druck im Oberbauch
  • „Schmerzende Rippen“
  • Schulter – Steife
  • Ausstrahlungen in Schulter, Arme, Hände / HWS, Hinterkopf

Häufige Befunde:

  • HWS-Beschwerden als Grund für den Praxisbesuch
    („Verlagerung“ durch Schonhaltung und Fehlbelastung)
  • Verspannungen / Myogelosen der Rückenstrecker
  • segmentale Irritationen durch viszerale Erkrankungen:
  • Herz, Leber, Magen / Duodenum, Bauchspeicheldrüse, Nieren…
  • Druckschmerzhaftigkeit korrespondierender Akupunkturpunkte (s.u., Abb. 3).

Differentialdiagnostik:

Wurzelsyndrome:
meist Th4 mit retrosternaler Ausstrahlung in Höhe der Brustwarzen,
Th8 = Bereich Rippenbögen

Häufige Bezugsschmerzen:

  • Herz-Symptome, retrosternal C6 bis Th4
  • Atemprobleme / Lunge Th3-4
  • Magen / Oberbauch Th5-9
  • „Roemheld-Syndrom“

Hier sollte im Einzelfall auch an eine internistische Abklärung von Herz, Magen, Bauchspeicheldrüse, Leber und Dünndarm gedacht werden – spätestens, wenn sich irisdiagnostisch entsprechende Hinweise finden!

Therapie-Optionen:

Technik und Material wie oben unter LWS beschrieben. (s. Abb. 3)

bws-verspannungen

Abb. 3: BWS-Verspannungen, Herzgefühl

Halswirbelsäule / HWS

Beschwerdebilder:

  • Cephalgie / Hinterkopf, migränoider Kopfschmerz
  • Schwindel, Kreislaufstörungen
  • Tinnitus bzw. „Rauschen“ oder „Pulshören“
  • Räuspern, Kratzen im Hals, Schluckbeschwerden, Globus hystericus
  • schmerzhafte Nacken – Schulter – Steife
  • Ausstrahlungen / Parästhesien in Arme und Hände

Häufige Befunde:

  • Vegetativ-sensible Konstitution mit leicht arrhythmischem „Stresspuls“, feuchter Haut, negativer (weißer) Dermographismus
  • ängstlich, neugierig, sehr schmerzempfindlich
  • überhöhter Muskeltonus (steht immer „unter Strom“)
  • Occipitalgruben druckschmerzhaft
  • Myogelosen im Nacken-Schulter- Bereich (BWS !? s.o.)
  • Druckschmerzhaftigkeit korrespondierender Akupunkturpunkte (s.u., Abb. 4-6).

Differentialdiagnostik:

Palpation und Funktionsprüfung / HWS + Schultern im Seitenvergleich, DD: Prolaps !?

Wurzelsyndrome:
C1 – C3 = zervikocephales Syndrom / Schmerzen im Nacken und Hinterkopf
C4 – C7 = zervikobrachiales Syndrom / Schmerzen in Schulter, Arm und Finger
(Kopfdrehung zur betroffenen Seite verschlimmert)
C4 = Schulterschmerzen
C5 = Schulter + Oberarm außen
C6 = Oberarmrückseite bis Daumen und Zeigefinger
C7 = Oberarm- / Unterarm-Streckseiten, meist incl. Mittelfinger,
C8 = relativ selten, Ausstrahlung über distalen ulnaren Unterarm zum kleinen Finger

Häufige Bezugsschmerzen:

  • Hyperalgesie der Kopfhaut / Kopfschmerzen
  • N. Facialis-Irritationen
  • Innenohr / Schwindel, Tinnitus
  • Kehlkopf / Stimmbänder

Auch hier sollte im Einzelfall an eine fachärztliche Abklärung (HNO; MRT / Kopf, HWS) gedacht werden.

Therapie-Optionen:

Technik und Material wie oben unter LWS beschrieben. (s. Abb. 4 – 6)

cephalgien

Abb. 4: Cephalgie

schulter-arm

Abb. 5: Schulter-Arm-Syndrom

epicondylitis

Abb. 6: Epicondylitis

Therapie – Optionen / sinnvolle Ergänzungen:

Die Injektions-Therapien erfolgen beim Autor meist als Kuranwendung 2x pro Woche, mit „Zwischenbilanz“ nach der 4. bis 6. Behandlung. Bei gutem Verlauf geht es dann 1x pro Woche weiter – insgesamt über 8 bis 12 Wochen. Bestanden die Beschwerden länger als 4-6 Wochen, wird die Therapie mühsamer – Nervenschädigungen und Schonhaltungen benötigen mehr Zeit zur Regeneration.

Während der Therapie ergeben sich immer Gelegenheiten, an den Rahmenbedingungen und sinnvollen Ergänzungen zu arbeiten, die der Patient z.T. auch zuhause weiterführen kann:

Beratung / Coaching:

  • Lebensführung
  • Ernährung: Trinkmenge ? Eiweißmast ? Übersäuerung ?

Stabilisierende, aufbauende Maßnahmen:

  • Anleitung zu Dehnübungen
  • Gezieltes Muskelaufbautraining / Physiotherapie
  • Entspannungsverfahren, Yoga unter fachlich fundierter Anleitung

Fazit:

Neben den „klassischen“ Verschleißerkrankungen der Wirbelsäule, die schulmedizinisch gut diagnostizierbar sind und gern operativ versorgt werden, stellen sich die funktionellen Störungen insbesondere mit psycho-vegetativer Beteiligung häufig nicht so offensichtlich dar. Funktionelle Blockaden mit Muskelhartspann sprechen oft nicht auf orale Schmerzmittel und Physiotherapie an. Die Differentialdiagnostik eines Neurologen kommt meist erst am Ende einer wirkungslosen „herkömmlichen“ Therapiephase und führt dann zu einem oft mühsamen „therapeutischen Neustart“…

Demgegenüber hat der ganzheitlich-naturheilkundlich orientierte Therapeut die Möglichkeit, mehrere individuell sinnvolle Therapieansätze parallel i.S. eines Synergismus einzusetzen. Damit steigen auch die Therapieerfolge in einem angemessenen Zeitrahmen.

Vita

Matthias Mertler
Matthias Mertlerhat eine naturwissenschaftliche Ausbildung und zwölf Jahre Berufserfahrung in einem großen Forschungszentrum (Pharmakologie / Rheologie). Er arbeitet seit 1988 als Heilpraktiker in eigener Praxis und ist seit 1999 Lehrbeauftragter und Bundesfachfortbildungsleiter im Freien Verband Deutscher Heilpraktiker e.V. (FVDH). Seine Therapie-Schwerpunkte sind Darmsanierung, Allergie-Therapien, Konzepte zur WS-und Gelenk-Regeneration sowie Revitalisierung und Immunmodulation.

Kontakt:
Kirchstr. 2, D-58332 Schwelm
praxis@heilpraktiker-schwelm.de